Havana Central, 151 West 46th Street between 6th and 7th Avenue, New York
Ich war gestern Abend bei einem Wine Tasting. Einem Wine Tasting fuer Rioja Weine – und zwar ganz konkret fure Crianzas.
Ich war schon auf so vielen Weinevents in New York und alle hatten eines gemeinsam, ich habe viel Wein getrunken und war hinterher nicht schlauer, nur um ein paar tote Gehirnzellen reicher. Am allerschlimmsten war ein Tasting der selbsternannten Wine Diva, die am Ende des Abends eine Champagnerflasche mit einem Saebel koepfte. Ihre Vorstellung war der Gipfel von zur Schau gestellter Unwissenheit.
Das Wine Tasting gestern Abend war anders. Ich habe noch mehr Wein getrunken als sonst, die Veranstalter, die bis zum Schluss mit am Tisch sassen und mittranken, waren immens grosszuegig und ich habe zum ersten Mal etwas gelernt.
Das Tasting fand im zweiten Stock des Havana Central, einem kubanischen Restaurant in Midtown, statt.
Als ich kurz vor halb acht das Restaurant betrat, war mir sofort klar, warum ich von Havana Central noch nichts gehoert hatte, ich gehe nicht in diese Art von Restaurants. Es ist Times Square nah. Es ist nicht ‘in’. Es kocht kein bekannter Chef, somit sind die Gaeste nicht cool, vielmehr laeuft zu laute Latin Musik, die Einrichtung ist kubanisch (man denke sich Teppichboden mit wilden Muster und ebensolche wilden Tapeten), das Publikum ist in der Mehrheit lateinamerikanisch und man muss ganz laut sein, um sich zu verstaendigen.
Im zweiten Stock war ein Tisch U aufgebaut und darum herum die Stuehle fuer uns gestellt. Wir sollten spaeter zu elft sein, elf Teilnehmer, die wirklich nur teilnahmen und nicht Mitveranstalter waren. Als Mitveranstalter sind zu nennen: die Referentin, die Marketingleiterin des Restaurants, die US-Vertreterin der Region Rioja, die PR-Agentin der Vertreterin der Region Rioja.
Puenktlich fingen wir an: Die Referentin Ellisa Cooper stellte sich vor und sprach ueber Spanien und seine Geschichte als Weinland, sie sprach ueber Rioja und seine Trauben und erklaerte wie die Wein Serie im Havana aufgebaut sei: mehrere Dienstagabende sich steigernd von Crianza, ueber Riserva zu Gran Riserva, analog zum Reifungsprozess der Weine. Die Reihe abschliessend wuerde dann ein Abend zum Thema „Sparkling“.
Ihre Einfuehrung war knapp, aber in einer Art, dass wir wussten um was es ging. Es ging um Weine aus einer bestimmten Region Nordspaniens, die zu 90% Tempranillo Trauben enthalten muessen, um sich Rioja nennen zu duerfen. Und da der heutige Abend den Crianzas gewidmet war, hiess es, dass alle ein Jahr im Eichefass gelagert worden sind bevor sie ein weiteres Jahr in der Flasche ruhten. Sie musste das wohl mehrmals gesagt haben, anders haette ich es mir sicherlich nicht gemerkt.
Dann schenkte sie die erste Runde Wein aus. Grosszuegig. Und wir bekammen jeder zwei Kroketten als Appetizer.
Elissa wirkte auf mich sehr streng. Wir folgten bei jedem Wein, dem gleichen Ritual: Farbe, Geruch, Geschmack. „Was riecht Ihr?“ fragte sie und wir teilten unsere Eindruecke mit. Sie sagte uns dann jeweils, wieweit wir daneben lagen …. und ermutigte uns dazu, unsere Beobachtungen aufzuschreiben. „Was schmeckt Ihr?“ ging es dann weiter. Und auch hier die gleiche vermeindliche Grosszuegigkeit, was unsere Antworten anbelangte.
Wir testeten insgesamt fuenf Weine und immer und immer wieder das gleiche Ritual. Nach einer Weile meinte ich schon zu kapieren, was sie mit Dill geruch oder Lavendel meinte. Aber vielleicht lag das auch am Alkoholkonsum. Ich mochte jedoch ihre Systematik und auch die Tatsache, dass sie ruegte „man beschreibt einen trockenen Wein nicht mit ’suessen’ adjektiven wie „sweet, syrupy or sugary“, man beschreibt einen trockenen Wein mit Adjektiven, die keinen Zucker enthalt wie „fruity“. Man fasst ein Weinglas immer am Stiel an. Sie wollte nun keine Namen nennen, aber ‘warum hat ein Weinglas wohl einen Stiel? damit wir mit unserer 99 Grad warmen Hand den Wein aufwaermen koennen?’ Ich finde rechnen mit Fahrenheitgraden in solchen Situation so viel eindrucksvoller als mit Celsius. 99 Grad warme Haende. Das ist so einleuchtend, dass das so nicht sein soll.
Das Essen, das zu den Weinen gereicht wird steigerte sich. Eigentlich waren nur die Kroketten etwas lahm. Die Tamales – obwohl nicht so ansprechend aussehend – waren schon geschmacklich sehr gut und das geraeucherte Schwein mit der suessen Glasur mein persoenlicher Favorit und selbst die Tostones Rellenos, obwohl sie zum Schluss kamen und ich nicht mehr hungrig, habe ich alle gegessen, sowohl die Beef- als auch die Shrimpversion.
Als das geraeucherte Schweinefleisch mit der suessen Glasur gereicht wurde, begehrte die Riojavertreterin auf. Zu suessen Gerichten passe sogut wie kaum ein Wein. Dessertweine sind deshalb suess, weil man zum Dessert einen Wein braucht, der etwas Zucker hat. Alle anderen Weine toetet man.
Elissa wusste hier sehr schoen hinzuzufuegen, dass die meisten Ehen mit einem katastrophalen Fehler begaennen. Naemlich dem Toast beim Anschneiden des Hochzeitkuchens. Man duerfe hier keinen Champagner reichen. Nichts mag Champagner weniger als suessen Kuchen. Dem Kuchen ginge es im uebrigen nicht anders. Sie beschwoerte alle unverheirateten Anwesenden (ein Herr war wohl schon mehrmals geschieden) diese Hochzeitssuende nicht zu begehen „drink champagne through the reception – through the whole meal but once the sweet stuff shows – put it aside“ Ich werde das beherzigen und werde das auch bei allen zukuenftigen Hochzeiten einbringen.
Den Ende des Abends markierte die Tatsache, dass wir alle Weine durchgetestet hatten und jeder seinen persoenlichen Favoriten benennen musste (sie hatte das persoenlich Ranking neben dem Geruch und dem Geschmack auch den ganzen Abend immer wieder abgefragt) und dann bekam jeder eine Liste der Laeden zur Hand, die die Weine fuehrten.
Dieses Zeichen eines offiziellen Endes beantwortete Senora Rioja mit dem Griff zu einer der offenen Flaschen und mit kraeftigem Nachschenken des eigenen Glases und die PR Frau und alle anderen taten es ihr nach. Und dann kam der Restaurant Manager und hat nochmals eine Flasche gebracht und wir sassen noch zwei weitere Stunden, haben nicht mehr ueber Weine geredet nur noch selbige getrunken.
In diesem Moment fuehlte sich das Havana als ein Restaurant mit Starambiente an, der Abend glamuroes und ich mich wie unter Freunden. Fuer 50$ Teilnahmegebuehr ein wirklich unschlagbarer Event.
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